caiman.de 03/2009

[art_1] Brasilien: Che und der Koch
Und es ward wieder einmal Carnaval

Ich sag es gleich und klar: Ich bin nicht die richtige Person um über Carnaval zu schreiben! Alle wissen das und schimpfen über meine Muffelei. Spaßbremse! Aber wie immer bleibt es letztlich wieder einmal an mir hängen, etwas zum unvermeidlichen Fasching zu schreiben. "Du lebst doch in Brasilien, was willst Du denn?" 

Ob ich den Carnaval denn nicht möge? Nun, seit Jahren versuche ich verzweifelt, mich mit ihm anzufreunden. Eigentlich schon seit ich Anfang der 90er Jahre aus dem evangelisch geprägten Bergischen Land in die katholische Karnevalshochburg Köln umzog. 30 Kilometer in südwestlicher Richtung über die Autobahn können einen gewaltigen Quantensprung bedeuten. 



Weitere 11.000 Kilometer in südwestlicher Richtung und ich bin in Rio de Janeiro, mitten im Getümmel. Seit sieben Jahren schon verbringe ich die Carnavalszeit in der Cidade Maravilhosa, fotoschießend im Sambódromo oder auf der Suche nach guten Sounds in den Straßen der Stadt. Eigentlich wird meine Laune stets schlechter – und nicht besser – wenn um mich herum alle durch die Gegend hüpfen. Dröger Lutheraner.... Oder doch nicht normal? Stets stelle ich mir diese und eine weitere Frage: Wozu das alles? 

In Deutschland sagt man gerne, dass das närrische Treiben ein Protest gegen die Obrigkeit sei, Spaß und Spott als Ventil für den Frust des kleinen Mannes. 


Protest gegen die Obrigkeit? Nun, in Deutschland, wo alle 360 Tage im Jahr brav sind, kann ich ja noch verstehen, dass man da fünf durchgeknallte Tage zum Ausgleich braucht. Aber die stets coolen Brasilianer?  

Meine Freundin zum Beispiel; die singt sowieso das ganze Jahr über Carnavalslieder. Und die Großen und Mächtigen verspottet eigentlich jeder und stets. Muss man da jetzt im Carnaval noch mal eine Schüppe drauflegen? "Nächstes Jahr werde ich den ganzen Carnaval durch einen draufmachen. Dann hält mich nichts zurück", kündigt meine Liebste mir stets an. Manchmal hört es sich fast wie eine Drohung an... 


Eigentlich macht man an Carnaval ja sowieso nichts anderes als das ganze Jahr über. Der einzige Unterschied ist, dass man es im Carnaval in Gruppen zu Hunderttausenden und bei gefühlten 60 Grad in der prallen Sonne durchzieht. Und dass man statt 1 Real jetzt 4 für die Bierdose bezahlt, bevor man sich danach in die Warteschlange vor den Toiletten der Eckkneipe einreiht.

Ich hab ja gleich gesagt, dass ich nicht der Richtige bin, um über den Carnaval zu schreiben. Immerhin scheine ich nicht der einzige Muffel zu sein. Meine Psychotherapeutin mag ihn auch nicht. Ja, wir sprechen über diese Sachen in der Therapie. "Bin ich nicht normal?", frage ich sie Angst erfüllt. Sie schaut mit großen Augen zurück und fragt: "Was meinst Du?"



Ein Kollege stöhnt. "Seit 25 Jahren berichte ich jetzt schon über den Carnaval. Und es ist jedes Jahr das Gleiche." Der Arme, denken sich da wohl viele, muss stets den Carnaval in Rio über sich ergehen lassen. Nun, ein jeder trägt halt sein eigenes Kreuz.

Ich weiß immerhin jetzt dass Che Guevara schon mal in Köln war und sogar München kennt. Mitten im Carnavalstrubel in Gávea traf ich ihn, gemeinsam mit seinem Koch. Eine Zigarre zündete er als Gruß an Deutschland an, der gute alte Revoluzzer.


Vielleicht sollte ich den Carnaval mal woanders verbringen. Wer weiß, nächstes Jahr hüpfe ich vielleicht mit weiteren 500.000 schwitzenden Körpern über die Straßen Salvadors. Meine Freundin hat mir schon angedroht, dass ich 2010 nicht darum herum komme. Warum nur immer ich, der den Carnaval doch gar nicht mag? 

Vielleicht sollte ich ihr einfach einen Handel vorschlagen: fünf Tage Carnaval ohne Pause verspreche ich ihr. Dafür will ich in den restlichen 360 Tagen keine Carnavalslieder hören und kein Rumgehüpfe vor dem Fernseher sehen. Schauen wir mal, ob sie das durchhält.